

Das Leben ist chaotisch, Dinge geraten außer Kontrolle. Die Medien sind überfrachtet von katastrophalen Ereignissen. Menschen sorgen sich, überall auf der Welt, wünschen sich Friede auf Erden und eine gute Gesinnung für jedermann. Nun ist ein Regenbogen nicht nur eindrucksvolles Naturschauspiel, sondern gilt der Menschheit seit jeher als Zeichen des Friedens und der Hoffnung, steht für Toleranz, für Akzeptanz. Alle Völker der Erde verbinden in ihren Mythen, Märchen und Erzählungen mit dieser Erscheinung etwas Positives. Kolibris sind nicht nur winzige, flatterhafte Vögelchen, in vielen Kulturen der Welt verkörpern sie Lebensfreude, Hoffnung, Mut, Freiheit, Ausdauer, Schönheit, Widerstandsfähigkeit, Neuanfang, Emphatie, Agilität, Vielfalt. Was läge da näher, als diese starken Symbole, Regenbogen und Kolibri - oder, wie hier, Schorlibri, das pfälzische Äquivalent zu Kolibri - in einem zauberhaften Märchen zusammen zu bringen, sollen sie uns in unruhigen Tagen Zuversicht und Mut, aber auch Ausdauer und Willensstärke schenken!


Wie Schorlibri auszog,
Regenbogen zu retten
- Ein Märchen -



und seine Freunde Sonne,
Mond und Sterne.
Manchmal sagte Schorlibri
zu Sonne: „Bitte, liebe Sonne,
ruf’ Regenbogen für mich!“
und Sonne rief nach Regenbogen.
Regenbogen erschien, strahlend
schön und farbenfroh, und
Schorlibri tanzte hindurch zur
Musik der Farben, einem Klang
wie von tausend Silberglöckchen,
und alle freuten sich und
lachten und waren glücklich.
Sein Zuhause
war der Horizont



Eines Tages
kam Schorlibri wieder einmal
zu Sonne und fragte nach Regenbogen. Doch als der
erschien, waren alle seine
Farben sehr blass.
Regenbogen klagte: „Ich fühle
mich so elend und schwach!“,
wurde blass und blasser, schwach und schwächer und verschwand schließlich ganz.
Schorlibri und Sonne waren sehr
betroffen, war doch Regenbogen ihr Freund, sie wollten ihm gerne helfen, und konnten sich gar nicht erklären, was da los war.


In der Nacht

„Aber etwas muss geschehen!“ Also fasste sich Schorlibri ein Herz, verabschiedete sich von Mond und ritt auf einer Sternschnuppe durch die Nacht hinunter auf die Erde.
flatterte Schorlibri aufgeregt
zu Mond und berichtete,
Regenbogen sei sehr krank.
„Ich weiß,“ sagte Mond betrübt,
„auf der Erde lebt ein Zauberer,
ich sah, wie er Regenbogen die
Farben stahl.“ „Was will er damit?“ fragte Schorlibri, und Mond erklärte: „Er will einen Trank brauen, der ihm Macht über Flora und Fauna, alle Gezeiten und alle Elemente verleiht!“
„Das wäre ja entsetzlich!“
Schorlibri schwirrte beunruhigt um eine Wolke und überlegte angestrengt, was zu tun sei.
Sonne, Mond und Sterne schienen machtlos, sie konnten nicht auf die Erde hinabsteigen.



Dort traf Schorlibri
auf eine Elfe und sagte:
„Bitte, liebe Elfe, weißt du
denn nicht den Weg zum bösen Zauberer, der Regenbogen die Farben gestohlen hat?“
Nein, die kleine Elfe wusste es nicht, aber sie bot Schorlibri an, die Nacht im Reich der Elfen zu verbringen, um am nächsten Morgen die Oberste aller Elfen zu befragen. Und so geschah es.
Die Oberste aller Elfen sprach:
„Du bist sehr tapfer, kleiner Schorlibri, doch Mut alleine genügt hier nicht. Geh zu den vier Jahreszeiten, sie werden dir beistehen und dir
den Weg weisen.“



Schorlibri flog zu Frühling
und der war lau und mild, überall duftete es lieblich. „Bitte, lieber Frühling, zeig mir den Weg zum bösen Zauberer, damit ich zu ihm gehen und Regenbogen die Farben zurückholen kann! Die Oberste aller Elfen hat mich zu dir geschickt!“
Frühling sagte: „Du musst zu Sommer gehen, der weiß es besser als ich. Aber ich gebe dir etwas mit auf den Weg, das dir helfen wird.“
Und Frühling reichte Schorlibri eine zarte Frühlingsblume.
„Berühre hiermit die Töpfe, in denen die Farben eingeschlossen sind. Die Deckel werden sich auftun und die Farben frei sein!“




Schorlibri nahm dankend
die Blüte zwischen die winzigen Vorderzehen und flog weiter zu Sommer, und der war heiß und schwül, und Schorlibri fragte nach dem Weg zum Zauberer und sagte: „Frühling hat mich zu dir geschickt!“
„Du musst zu Herbst gehen,“ antwortete Sommer. „Der weiß es besser als ich! Hier hast du etwas von mir, dass dir von Nutzen sein wird.“ Sommer reichte Schorlibri einen grellen Blitz, der war so heiß, dass er Schorlibris Zehen ansengte.
„Wenn der Zauberer seinen Stab gegen dich richten will, dann schleudere diesen Blitz darauf,
der Stab wird schmelzen und der Zauberer all seine Macht verlieren!“




Weiter ging die Reise
zu Herbst, und der war trübe und feucht, und Schorlibri fragte auch hier nach dem Weg zum Zauberer und sagte: „Sommer hat mich zu dir geschickt!“
Mit den Worten: “Du musst zu Winter gehen, der weiß es besser als ich!“ klemmte Herbst ein bunt leuchtendes Blatt zwischen Schorlibris Zehen.
„Hiermit kannst du Schlösser sprengen,“ fuhr Herbst fort, „du
musst nur das Türschloss mit diesem Blatt berühren und Tür und Tor werden sich für dich öffnen.“




und der war grimmig und kalt, und er fragte wieder nach dem Weg zum Zauberer. „Herbst hat mich zu dir geschickt!“.
Winter entgegnete: „Du musst nur geradeaus fliegen, du kannst das Schloss des Zauberers gar nicht verfehlen. Auch von mir sollst du etwas bekommen, was dir hilfreich sein wird.“ Winter gab Schorlibri einen funkelnden Eiskristall, der war so klirrend kalt,
dass er in Schorlibris Zehen schnitt.
„Berühre damit deine Angreifer,“ fuhr
er fort, „sie werden zu Eis erstarren
und dir ungefährlich sein!“ Schorlibri dankte Winter, doch der mahnte noch: „Nutze unsere Gaben mit Bedacht, ihre Kraft ist endlich und kann nur einmal angewendet werden!“
Schorlibri kam zu Winter,




Schorlibri jagte
beherzt von dannen mit dem Gedanken: „Mächtige Werkzeuge habe ich erhalten!“
So war ein Jahr vergangen,
und unser tapferer Held hatte
die Welt umrundet, ohne dass auch nur eine einzige Menschenseele etwas davon bemerkt hätte.
Da sah Schorlibri in der Ferne den
großen, unheilverkündenden Schatten vom schwarzen Schloss des bösen
Zauberers, und Zweifel begannen an ihm zu nagen: „Aber werden die
Geschenke der vier Jahreszeiten auch wirken, und werde ich sie klug
einzusetzen wissen?“




hatte durch sein magisches Fenster bereits gesehen, wie Schorlibri sich bei den vier Jahreszeiten nach dem Weg zu ihm erkundigte.
„Was will dieser Winzling schon gegen mich ausrichten!?“ wähnte er sich in Sicherheit. „Bin ich doch so viel stärker und mächtiger als er!“
Als er nun wieder durchs Fenster
hindurch blickte, und sah, dass Schorlibri gar nicht mehr allzu weit von seinem düsteren Schloss entfernt war, schickte er seine drei gemeinen Gesellen aus, Schorlibri den Garaus zu machen.
Der Zauberer indes
Der erste gemeine Geselle war eine riesige schwarze Fledermaus, die sollte Schorlibri mit ihren Flughäuten erschlagen.
Der zweite gemeine Geselle war ein blutrünstiger, zähnefletschender Hund, der sollte Schorlibri
in Stücke reißen.
Der dritte Geselle war eine hinterlistige Ratte, die sollte Schorlibris Kopf als Zeichen des Erfolgs zu ihm nach Hause bringen.





Der Anblick
der wüsten Gesellen grauste Schorlibri sehr, doch beim Gedanken an die Gaben der vier Jahreszeiten wusste er, was zu tun war.
Als dann die Fledermaus zum Hieb ausholte, berührte Schorlibri ihre Schwingen nur sacht mit Winters Kristall, sodass sie zu Eis erstarrt auf die Erde fiel und reglos liegen blieb.
Da kam der Hund, um Schorlibri in Stücke zu reißen, doch der streifte seine Schnauze nur kurz mit dem Kristall, und um den Hund war es geschehen.
Die Ratte stahl sich von hinten heran und wollte Schorlibri den Kopf abbeißen, doch auch sie blieb nicht verschont.

Damit war die Kraft des Kristalls erloschen, und er schmolz zwischen Schorlibris Zehen dahin. Nun war es an Sonne, den eisigen Gesellen den Rest zu geben.


Schorlibris Weg
führte ihn nun geradewegs zum Schloss des bösen Zauberers,
und Mond leuchtete ihm dabei.


Der Zauberer, verwundert, noch kein
Zeichen von seinen Gesandten erhalten zu haben, blickte abermals durch sein magisches Fenster.
Als er da sah, dass Schorlibri
seine Gesellen vernichtet hatte, verriegelte er Tür und Tor, doch Schorlibri öffnete nahezu spielerisch durch eine leichte Berührung mit dem bunt leuchtenden Herbstblatt das große schwarze Portal, so dass es wie von selbst aufsprang.



Der Zauberer,
noch wenig besorgt um seine angestrebte Weltherrschaft, eilte in seine dunkle Küche, in der Regenbogens Farben in große schwere Töpfe mit großen, schweren Deckeln eingesperrt standen, und hexte zusätzlich magische Ketten darum herum.
„Mal sehen, wie dieser Wicht damit fertig werden will!“ triumphierte er.
Schorlibri folgte ihm dicht auf den Fersen durch ein dunkles Labyrinth
aus Gängen und Kammern und
öffnete alle Türen dank der Magie
des Herbstblattes.
Als Schorlibri aber die letzte Tür, die Tür zur Küche des Zauberers, öffnete, welkte das Blatt und zerfiel zwischen
seinen Zehen zu Staub.




So blickten Schorlibri
und Zauberer
sich erstmals in die Augen.
Nie hätte der Zauberer gedacht, dass solch ein Zwerg
sich gegen ihn erheben würde.
Schorlibri aber war ohne Furcht,
denn jetzt galt es, die Gabe von
Sommer zur rechten Zeit zu gebrauchen. Wachsam beobachtete er den Zauberer,
und als der mit grimmiger Miene
seinen Zauberstab hob, schleuderte Schorlibri ihm seinen Blitz so geschickt entgegen, dass…




...der Stab in den Händen
des Zauberers in Flammen aufging und zerbarst, mehr noch, die
Flammen schlugen auf dessen Gewand über, und bald schon brannte der ganze Zauberer gar lichterloh!
Seine Machtlosigkeit erkennend stürzte er aus seiner Küche, die Treppen hinauf auf die höchste
Zinne und von dort unter lautem Geschrei wie eine Fackel hinunter
in die Tiefe, wo er an den scharfkantigen Felsen, auf denen sein dunkles Schloss gebaut war, zerschellte.



flatterte Schorlibri zu den Töpfen,
in denen Regenbogens Farben
schmorten, und berührte jeden
Deckel mit dem letzten Geschenk,
das er erhalten hatte, mit der Frühlingsblume.
Frohen Herzens

Die Ketten wurden gesprengt, die
Deckel flogen im hohen Bogen davon,
die Farben fuhren heraus, flohen zu
Türen und Fenstern in die Freiheit
hinaus, um sich über den düsteren
Dächern des Schlosses wieder zu
vereinen, und prächtiger als je zuvor
spannte sich der herrlichste Regen-
bogen, den die Welt je gesehen hat,
weit über das Firmament.



zu welchem sogar Tag und
Nacht sich trafen, Sonne,
Mond und Sterne am Himmel zusammenkamen, auch die Elfen
waren da, alle lachten und
jubelten - ja, auf der ganzen Welt
wurden Feste gefeiert, diesen Tag zu ehren, an dem wieder
einmal mehr das Gute über
das Böse gesiegt hatte.
folgte Schorlibri seinem Freund aus den düsteren Gemäuern ins Licht, um Regenbogens neu gewonnene Freiheit
mit ihm zu feiern.
Das war ein Ereignis
Erschöpft aber glücklich



Die Erzählung ist hier zu Ende,
bald nahm alles seinen gewohnten Gang, und dieser Tag geriet im Laufe der Zeit viel zu schnell wieder in Vergessenheit.
Aber vielleicht denkst Du ja beim
nächsten Mal, wenn Du einen Regenbogen siehst, daran, wie ein kleines buntes Vögelchen darunter hindurch tanzt zum Klang der Farben, und vielleicht erinnerst Du Dich ja dann an diese Geschichte, und wie Schorlibri vor langer langer Zeit nicht nur Regenbogen, sondern die ganze Welt vor der Herrschaft eines bösen Zauberers gerettet hat.
- Ende -

